Deutscher Wirtschaftsberater sieht Chancen in der Corona-Krise, künftig das Wirtschaften menschenfreundlicher zu gestalten

Deutscher Wirtschaftsberater sieht Chancen in der Corona-Krise, künftig das Wirtschaften menschenfreundlicher zu gestalten

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In Corona-Krisenzeiten werden herkömmliche Wirtschaftsstrategien wie die Hyperglobalisierung und die Gewinnmaximierung hinterfragt, weil wir vor Augen geführt bekommen, wie zerbrechlich etwa Lieferketten sind. Die OÖNachrichten baten den Unternehmer, Managementberater und Sprecher der Gemeinwohl-Ökonomie, Gerd Hofielen, zum Gespräch. Er lebt in Berlin und hält sich strikt an die Ausgangsbestimmungen, wiewohl er bereits wie viele unter der Einschränkung der sozialen Kontakte leidet.

 

OÖN: Was hat die Corona-Krise bereits verändert?

Hofielen: Bei vielen Menschen sind die täglichen Gewohnheiten ausgesetzt, sie arbeiten im Home-Office oder sind in Kurzarbeit Sie bemerken wieder ihre zutiefst menschlichen Bedürfnisse, weil die üblichen Routinen unterbrochen sind. Sie verbringen Zeit mit der Familie und können sich fragen: Was tut mir wirklich gut? Auf einer politisch-ökonomischen Ebene passiert gerade etwas absolut Faszinierendes: Es werden von den Regierungen sehr humanistische Regeln, die eigentlich gegen die Wirtschaft gerichtet sind, vorgegeben. Die Wirtschaft wird gesamtgesellschaftlichen Interessen untergeordnet – und alle kooperieren! Diese menschenfreundliche Vorgangsweise kann man gar nicht überbetonen, auch wenn sie vorerst Angst-getrieben ist.

Wäre so eine Vorgangsweise beim Kampf gegen den  Klimawandel nicht schon längst überfällig? 

Ja, doch da machte die Wirtschaft bisher eine Betonmauer gegen die Angst vieler Bürgerinnen und Bürger. Wenn jedoch wie jetzt die Angst als starke Emotion mit Vernunft gepaart ist, kann das vernünftige Handlungen ergeben. Wir sehen jetzt, dass die demokratischen Regierungen sehr wohl handlungsfähig sind, dass sie auf die Bürger hören und dass die Wirtschaft in kluger Zusammenarbeit mit der Regierung zum Wohle der Bürger agiert und – mit den Hilfspaketen – dennoch auf ihre Rechnung kommen wird.

Heißt das womöglich, dass der Klimaschutz in Zukunft auch mehr Gehör bei Politik und Wirtschaft finden könnte?

Natürlich wird das weiter ein Spiel der Kräfte bleiben. Jetzt ist einmal eine Bresche geschlagen, um mit Augenmaß wissenschaftliche Erkenntnisse in ein kluges Handeln für das Gemeinwohl aller umzusetzen. Es wäre schön, wenn eine der Lehren der Corona-Krise ein engeres Zusammenwirken von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in der Klimakrise sein könnte.

Manche sagen, der Klimawandel sei langfristig so gefährlich wie der Sars-Covid19-Virus. Und Sie?

Ja, so kann man das sagen. Der Klimawandel hat mit Hunger und von Menschen (mit-)gemachten Naturkatastrophen schon mehr Menschenleben vernichtet als der Corona-Virus. Die Klimakrise wird auch in Zukunft bedrohlicher sein als eine Corona-Krise.

Wird die starke Globalisierung der Wirtschaft, wie sie jetzt durch das Zusammenbrechen etlicher Lieferketten sichtbarer wird, so weitergehen?

Was wir jetzt schon sehen, ist, dass wir uns in Europa glücklich schätzen können, eine starke regionale Lebensmittelproduktion zu haben. Wir erkennen jetzt auch, dass bei Medikamenten die Abhängigkeit von einzelnen Pharmafirmen und Weltregionen sehr groß ist. Solange es die Prämisse gibt, nur auf Rendite zu zielen, werden wir dort produzieren, wo es am billigsten ist, also in China bzw. Asien. Derzeit verschieben sich die Parameter, es kommt eine humanere Entscheidungslogik in die Wirtschaft. Am Beispiel des öffentlichen Drucks gegen Adidas, das wegen Corona keine Mieten mehr zahlen wollte, kann man das erkennen.

Was könnte sich konkret aus dieser Erkenntnis ergeben?

Wenn man berücksichtigt, dass die Produktion von Gütern mit guten Arbeits- und Umweltbedingungen einhergehen sollte, die auch unserer Ethik entsprechen, dann wird nicht mehr jeder Strumpf in China produziert, sondern wieder mehr in Europa. Wir könnten eine viel humanere Globalisierung sehen, in der die sozialen Bedingungen in China oder Bangladesch lebenswerter werden können.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass solche Änderungen Realität werden könnten?

Na ja, von selbst geht da gar nichts. Aber so wie durch die Fridays-for-Future-Bewegung plötzlich die Klimakrise am Küchentisch gelandet ist, weil die Kinder die Eltern dafür sensibilisiert haben, so haben wir jetzt Corona am Küchentisch. Das heißt auch, dass die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen wieder mehr gehört werden, dass man sich austauscht. Das ist eine schöne Qualität. Viele werden sich überlegen als Konsumenten, die wir ja jetzt dem Kaufen entwöhnt werden, „Was brauche ich wirklich?“ und „Was tut mir gut?“.

Was wird bleiben nach der Krise?

Heimarbeit und Online Medien werden sicher in gewisser Weise beibehalten werden. Vielleicht die Erkenntnis, dass die Wirtschaft die Menschen nicht überbeanspruchen sollte. Schön wäre es, wenn sich regionale Wirtschaftsparlamente bilden und abseits der üblichen Wirtschaftslobby reflektierten, wie eine menschenfreundliche Wirtschaft in ihrer Region aussehen sollte.

Nach der Krise wird auch ein großer Schuldenberg bleiben. Wie tragen wir den ab?

Hier wird das Prinzip Solidarität gefragt sein, um ihn wieder abzubauen – ähnlich dem Finanzausgleich zwischen den Ländern. Das sichert den sozialen Frieden, auch wenn die wirtschaftlich starken EU-Staaten die Schulden der schwachen nicht einfach blind übernehmen sollten. Aber machen wir es doch anders als damals mit den allzu harten Maßnahmen gegenüber Griechenland. Die Zeit ist reif für eine neue Solidarität. Dazu zählt auch eine Vermögensabgabe von denen, die in den vergangenen Jahren überproportional vom Wirtschaftswachstum profitiert haben.

 

Zur Person: Gerd Hofielen führt die Humanistic Management Practices gGmbH (HMP), ein Think Tank in Berlin. Dieser beschäftigt sich mit humanistisch inspirierter Ethik und ökologischer Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. Der Betriebswirt und Unternehmer Hofielen arbeitet lange in der internationalen ManagementberatunG

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