Never waste a crisis

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Ein Beitrag von Gerd Hofielen

Gibt es positive Wirkungen von Covid-19?

Viele lädt die Corona-bedingte Unterbrechung der gewohnten Denk- und Handlungsmuster ein, innezuhalten und nach den möglichen Lehren zu fragen. Wobei bei allen Reflektion abzuwägen ist, ob es neue Erkonntnisse sind oder nur ein Anlass, die bisherigen Positionen mit den Wirkungen von Corona zu verbinden.

Wir würden als Einsicht anbieten, dass Covid-19 darauf aufmerksam macht, dass die Eingriffe der Wirtschaft in die Natur die Lebensfähigkeit ökologischer Systeme wie Atmosphäre, Pflanzen, und Tiere gefährdet beziehungsweise zerstört haben. Gleichgültig ob Covid-19 von einem Handel mit Wildtieren oder von Manipulationen mit Viren herrührt, das menschliche Handeln, die Ein- und Übergriffe in die Natur, wird als schädlich für den Menschen und den Planeten begreifbar. Wir Menschen sind die schädlichen Viren in dieser Welt.

Eine neue Bescheidenheit in den Lebensstilen ist erforderlich, ein menschliches Leben, das die Reproduktionsfähigkeit der ökologischen Lebenssysteme zu allererst schützt. Diese neuen Lebensstile wurden indirekt durch Covid-19 erzwungen.

Die Anpassung des Verhaltens wurde nicht der individuellen Entscheidung überlassen, sondern wurde im Kollektiv gedacht und von den Regierungen der Allgemeinheit als Zwang auferlegt. Nationale Gesetze und ein Defacto-Gleichklang nationaler Politiken führ(t)en in fast allen Ländern zur Einschränkung eines Teils der individuellen und kollektiven Freiheitsrechte.

Bevor die Gesellschaften wieder in die Auseinandersetzungen diverser Interessen und Interessengruppen einsteigen, wenn es um die Gestaltung der Post-Corona-Situation geht, ist dieses Innehalten und Lehren ziehen Lebens-entscheidend.

Die Veränderungen während der Covid-19-Krise haben gezeigt, dass ethische Prinzipien beachtet wurden, um die (Über)Lebensfähigkeit von Menschen zu schützen. Gleiche Prinzipien müssten angewendet werden, um die (Über)Lebensfähigkeit des Planeten und der diversen ökologischen Lebensräume zu garantieren. Letztlich ist die Bewegungsfreiheit der Menschen der Lebensfähigkeit des Planeten unterzuordnen. Jede Person, jedes Unternehmen, jede Stadt, jeder Staat muss sein Verhalten neu ausgerichten.

Der Beitrag der Gemeinwohl Ökonomie ist die ganzheitliche Sicht auf die Tätigkeit von Unternehmen, Gemeinden und Regionen/Staaten und die Beiträge zu Werten darzustellen und zu messen, die in der menschlichen Geschichte zu positiven Wirkungen geführt haben. Diese Werte sind in Verfassungen kodifiziert, sind bewährt und immer noch umkämpft. Die Orientierung an den Werte-Beitragen kann Entscheidungen unterstützen, die unterschiedliche Interessen gegeneinander abwägen; z.B. bei Fragen: inwieweit kann ein Unternehmen oder eine Gemeinde die Umstellung auf erneuerbare Energien verkraften – welche Finanzierungsspielräume bestehen, wie sind die Wirkungen auf die Lebensqualität der betroffenen Mitarbeiter*innen, Kund*innen oder Bürger*innen.

Die positiven gesellschaftlichen Entwicklungen während der Covid-19 Krise, das entschiedene Handeln der meisten Regierungen zum Schutz menschlichen Lebens, die Kooperation der Unternehmen und der Bürger*innen, die Disziplin in der Hinnahme der Beschneidung diverser Freiheiten, der Bezug auf wissenschaftliche Quellen bei Entscheidungen könnten von Nutzen sein, wenn es um das Abwenden der ökologischen Krisen geht. Die Verhaltensweisen während der Covid-19-Phase zeigen Möglichkeiten auf, die bisher unerreichbar schienen.

Allerdings ist das Covid-19-Handeln in Politk, Unternehmen und Gesellschaft weitgehend Angst-getrieben. Mit Angst-getriebener Politik wurden bereits Weltkriege herbeigeführt und zuletzt die US-Invasion im Irak. Das ist die Crux der Covid-19 Ereignisse. Zwar ist die Covid-19 Politik nicht auf Lügen sondern auf Fakten gebaut, aber es ist doch weitgehend ein Blindflug auf Basis ungesicherter Erkenntnisse.

Die Politiker gingen mit den Einschränkungen der Freiheitsrechte auf Nummer Sicher und sicherten damit gleichzeitig ihr Mandat. Die Bürger folgten überwiegend, gaben bereitwillig ihre Freiheiten auf, ebenfalls weil sie Angst hattten um das eigene Leben, um ihre Eltern, die Kinder etc.

 

Die gute Seite der Covid-19-Politik ist humanistische Werte-Grundlage der Politik, das Primat der Politik über die Wirtschaft, die Unterordnung der Konsum-Bedürfnisse unter das Lebensbedürfnis und eine neue Qualität der Kooperation von Politik, Wirtschaft und Bürger*innen-Gesellschaft.

Die bedenkliche Seite ist, dass der Mensch dabei nach wie vor seinen Instinkten gehorcht. D.h. der Treiber und Motivator ist die kurzfristige Sicherheits-Orientierung, nicht eine Begrenzung der Freiheit zugunsten einer weiter gefassten Verantwortung. Die Schranke der Emanzipation der Menschheit von selbst verursachten Krisen ist genau dies: das überwiegen der Orientierung an den animalischen Bedürfnissen, an den Bedürfnissen, die auf der animalischen Seite der menschlichen Existenz anknüpfen. Das führt zu Konsum-Exzessen, zu ‚Geiz ist geil‘-Haltung, Profit-Maximierung und maßlosem Wachstum. Insoweit ist die schöne neue Welt der scheinbar vernünftigen Kooperation der handelnden Subjekte wahrscheinlich leider eine Illusion.

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Eine lebens-sicherne Haltung der Menschheit würde die Bedürfnis-geleiteten Verhaltensweisen reflektieren. Sie würde erkennen, dass menschliches Handeln, insoweit es von animalischen Instinkten, Bedürfnissen, Wünschen, Traditionen etc. getrieben ist, dann lebensbedrohend ist, wenn die Gesundheit der planetarischen Systeme gefährdet wird. Dies ist heute der Fall. Die Menschen wissen Bescheid über die Gefahren der Klima-Krise, des Artensterbens, der industriellen Agrikultur, der Plastik-Abfälle in Meeren, Flüssen etc.
Der nächste überlebens-sichernde Schritt wäre, die persönlichen Lebensstile und unternehmerischen Geschäftsmodelle in Einklang zu bringen mit der Tragfähigkeit des Planeten. Der Verbrauch der Ressourcen darf nicht mehr höher sein als die Leistungsfähigkeit der ökologischen Systeme, die Schadwirkungen der Menschen zu absorbieren und genügend Leben zum Gebrauch der Menschen anzubieten. Das muss kein Abzug an Lebensqualität sein, sondern eine Verschiebung der Bedürfnisbefriedigung von Gütern mit hohem ökologischen Ressourcen-Verbrauch zu Gütern, Dienstleitungen und Lebensgewohnheiten, die den Ressourcen-Verbrauch niedrig halten und die soziale Wertschätzung auf dem Niveau der Menschenrechte gewährleisten.

Das Handeln in der Covid-19-Krise zeigt, dass ein Erkennen lebensbedrohender Gefahren und die Bereitschaft, angemessen zu handeln, zu sehr kurzfristigen Veränderungen führen kann, bei denen alle mitspielen. Die individuelle Veränderungsbereitschaft und der kollektive Veränderungswille müssen sich gegenseitig verstärken. Diese Bereitschaft fehlt bisher beim Erkennen und Anerkennen der ökologischen Krisen. Die Chance besteht, dass beide Einsichten in der Post-Corona-Ära zusammenwirken können: das Anerkennen der ökologischen Krisen und die Erfahrung, dass die denkenden Subjekte einsichtsgemäß und einschneidend Handeln können.

Die Voraussetzung ist ein Upgrading der ethischen Reife, der ethischen Verantwortungsfähigkeit, eines größer werdenden Teils der Menschen in allen Nationen, Religionen, Berufen, Vermögens-, Einkommens- und Bildungsschichten. Das ist ein erreichbares Entwicklungsziel, das schon zur Überwindung der Sklavenhaltung, der Rassendiskriminierung und der Frauen-Unterdrückung geführt hat. Die UN-Konvention der Menschenrechte ist ein weiteres Beispiel. Diese Emanzipationsziele bleiben umkämpft, sind nie eine abgeschlossene Geschichte, aber haben wesentliche Fortschritte in der Qualität menschlichen Lebens und Zusammenlebens ermöglicht.

Die andere Voraussetzung ist ein Regierungs-Handeln, wie wir es bei Covid-19 erlebt haben. Entschieden, erkenntnis-basiert, einschneidend in Gewohnheiten und Business-as-usual. Dies sind zwei Seiten einer Medaille. Denn einschneidendes Regierungshandeln kann nicht mit der Polizei erzwungen werden, die Bürger*innen müssen es wollen und mittragen. Aber ohne einschneidendes Regierungshandeln, das ein level-playing-field herstellt, eine Verhaltensänderung von allgemein gültiger Breite gewährleistet und Abweichung sanktioniert, geht es auch nicht.

Steueroasen z.B. können nur geschlossen werden, wenn die meisten Unternehmen davon aus Einsicht mitwirken und wenn die Politik die verbleibenden Uneinsichtigen durch Gesetze und Kontrollen zur Befolgung zwingen kann. Solange das Bedürfnis nach Maximierung des eigenen Vermögens zu Lasten des Gemeinwohls die meisten Top-Wirtschaftskräfte motiviert, kann es diese Poiitik nicht geben.

Sicherheitsgurte in PKWs wurden in der Bundesrepublik Deutschland erst nach langer Debatte und wissenschaftlich begründeten Argumenten eingeführt; zunächst als techische Installation in allen neuzugelassenen PKWs, dann als Gebot, das nicht sanktioniert wurde; erst nach einem Anpassungszeitraum, der zeigte, dass die menschlichen Unfallfolgen in PKWs mit angelegten Gurten geringer waren als in denen ohne angelegten Gurten, wurde die Gurtpflicht verbindlich eingeführt und mit Strafen sanktioniert.

Dieses Vorgehensmuster findet sich auch bei der Umweltgesetzgebung. Hier zeigt sich jedoch, dass die ökologischen Zerstörungen durch die zunehmende Wirtschaftskraft der Menschen in einem Ausmaß zunehmen, die ein schnelles Handeln der Politik und eine zügige Lernkurve der Wirtschafts-Subjekte erfordern.

Zu diesen Einsichten kann die Covid-19-Erfahrung in entscheidendem Maße beitragen.

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