Was, wenn unsere Gesellschaft zwar funktioniert – aber krank macht?

Wir leben in einer Ordnung, die Wettbewerb, Effizienz und Selbstoptimierung zur Norm gemacht hat. Viele erleben dabei Freiheit – und gleichzeitig Erschöpfung, Ohnmacht und Isolation.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm beschrieb bereits vor Jahrzehnten eine mögliche Diagnose:
Eine Gesellschaft kann vollkommen normal wirken und dennoch pathologisch sein.

Was zeichnet die neoliberal geprägte Gesellschaft aus?

Die neoliberale Gesellschaft ist nicht nur durch bestimmte wirtschaftspolitische Ziele und Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet, sondern vor allem durch eine Bewusstseinslogik, die tief in Alltagspraktiken, Arbeitsverhältnisse und Selbstbilder eingreift.

Arbeitsbeziehungen werden individualisiert, Leistung wird permanent gemessen, verglichen und bewertet. Menschen erscheinen dabei weniger als soziale und politische Subjekte, sondern als Ressourcen, deren Wert sich an Effizienz, Produktivität und Verwertbarkeit bemisst. Instrumentalität, Individualismus und Wettbewerb bilden die leitenden Prinzipien: Der Mensch wird zum Mittel der Profitmaximierung, Solidarität gilt als ineffizient, Kooperation ist nur legitim, wenn sie sich rechnet. Zugleich wird diese Ordnung als natürlich, alternativlos und dem „gesunden Menschenverstand“ entsprechend erlebt.

Das zentrale Menschenbild ist der homo oeconomicus: ein rational kalkulierendes, eigeninteressenorientiertes Individuum, das im Wettbewerb mit anderen steht und dessen Freiheit primär als unternehmerische Selbstverantwortung verstanden wird. Diese Logik prägt insbesondere die Arbeitswelt.

Diese neoliberalen Überzeugungen sind weitestgehend internalisiert. Die Frage, ob Arbeit demokratisch organisiert sein sollte oder ob wirtschaftliche Prozesse sozialen und ökologischen Zielen untergeordnet werden könnten, erscheint vielen bereits als unrealistisch oder naiv. Genau hier zeigt sich die ideologische Stärke des Neoliberalismus: Er wirkt nicht primär durch Zwang, sondern durch Verinnerlichung.

Warum macht unsere jetzige Gesellschaft krank?

Sozialwissenschaftler wie Marx, Fromm oder auch Hartmut Rosa beschreiben diese gesellschaftliche Ordnung als einen Zustand kollektiver Entfremdung. Obwohl die Menschen formell frei sind, erleben sie sich real als ohnmächtig. Entscheidungen, die ihr Leben prägen, werden von anonymen Organisationen, Märkten und Bürokratien getroffen – allesamt menschengemachte Strukturen, die dem Einzelnen jedoch als übermächtige Sachzwänge gegenübertreten. Diese Sachzwänge gelten auch für sonst so mächtige Konzerne, die durch ihre Konkurrenz auf Märkten zu einem gleichförmigen Verhalten in einem Rennen gezwungen werden, wie wir gerade in der KI-Branche beobachten können. Bei Personen entsteht ein Spektrum an Reaktionen: Neben Anpassung und Leistungszwang entsteht in vielen Menschen auch Verunsicherung, Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und innere Leere. Im neoliberalen Kontext werden die letzteren Reaktionen jedoch nicht als gesellschaftliches Problem erkannt, sondern individualisiert: Wer erschöpft, depressiv oder überfordert ist, gilt als persönlich defizitär.

Die strukturellen Ursachen – Leistungsdruck, permanente Konkurrenz, fehlende Mitbestimmung – bleiben unsichtbar. Erich Fromm sprach von einer gesellschaftlich normalisierten Pathologie (Fromm 1955). Eine Gesellschaft kann reibungslos funktionieren und dennoch krank sein, wenn sie Freiheit, Spontaneität, authentisches Fühlen und Selbstwirksamkeit systematisch untergräbt. Genau das ist im Neoliberalismus der Fall. Menschen passen sich an, weil Anpassung Sicherheit verspricht. Der Verlust innerer Lebendigkeit wird kompensiert durch Konsum, Erfolg, Status oder narzisstische Selbstüberhöhung. Auch die Empirie stützt diese Diagnose: Starke neoliberale Überzeugungen korrelieren mit geringeren demokratischen Einstellungen, stärkerem Eigeninteresse, sozialer Dominanzorientierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (vgl. Unterrainer/Hornung/Höge/Weber 2024). Neoliberal geprägte Menschen neigen weniger zu Solidarität, Mitgefühl und gesellschaftlicher Verantwortung – Eigenschaften, die für eine lebendige Demokratie jedoch zentral wären. Die neoliberale Gesellschaft macht also krank, weil sie Menschen zu Konkurrent:innen, Unternehmer:innen ihrer selbst und Konsument:innen reduziert – und ihnen zugleich die Erfahrung raubt, wirksam, verbunden und sinnhaft zu handeln.

Was braucht es stattdessen?

Fromm wies auf einen alternativen normativen Horizont hin: einen humanistischen und demokratischen Gesellschaftsentwurf, der den Menschen nicht als Mittel, sondern als Zweck begreift. Im Zentrum steht dabei die Wiedergewinnung von Selbstwirksamkeit, Beziehung und Sinn. Fromms Humanismus betont, dass der Mensch nicht im isolierten Ich aufgeht, sondern immer schon ein soziales, weltbezogenes Wesen ist. Psychische Gesundheit bedeutet nicht Anpassung an bestehende Verhältnisse, sondern die Fähigkeit zu produktiver Tätigkeit, kritischem Denken, Liebe und Solidarität. Eine gesunde Gesellschaft misst ihren Erfolg daher nicht an Wachstum oder Effizienz, sondern an der Lebendigkeit ihrer Mitglieder. Auf der Ebene der Arbeitswelt kann das durch das Konzept der Organisationalen Demokratie erreicht werden. Wo Mitbestimmung strukturell verankert ist – auch bei strategischen Entscheidungen –, entwickeln Menschen prosoziale Wertorientierungen, Verantwortungsbewusstsein und demokratische Handlungskompetenzen. Arbeit wird hier nicht länger als bloßes Mittel zum Einkommenserwerb erlebt, sondern als Raum gesellschaftlicher Teilhabe (Honneth 2023). Kurz gesagt: Statt einer neoliberalen Gesellschaft, die Konkurrenz naturalisiert, braucht es eine demokratische Gesellschaft, die Kooperation, Mitentscheidung und Gemeinwohlorientierung ermöglicht.

Wie kommen wir da hin?

Der Weg aus der neoliberalen Gesellschaft ist weder rein technisch noch ausschließlich politisch – er ist zutiefst kulturell. Fromm betonte, dass gesellschaftliche Veränderungen scheitern, wenn sie nicht auch die emotionalen und psychischen Strukturen der Menschen berücksichtigen. Wer gelernt hat, Ohnmacht durch Anpassung oder Dominanz zu kompensieren, wird Freiheit eher fürchten als begehren. Ein zentraler Hebel liegt deshalb in der Demokratisierung der Lebenswelt, insbesondere der Arbeit. Organisationale Demokratie wirkt nicht nur innerhalb von Betrieben, sondern strahlt in die Zivilgesellschaft aus. Menschen, die Mitbestimmung erfahren, entwickeln Vertrauen in ihre Wirksamkeit und sind eher bereit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig braucht es eine bewusste Entideologisierung neoliberaler Bewusstseinsformen. Das, was als natürlich gilt, muss als historisch und veränderbar erkannt werden. Fromm sprach hier von der Aufgabe der Vernunft: die eigenen gesellschaftlichen Bedingungen zu verstehen – gegen emotionale Widerstände. Schließlich erfordert der Weg zu einer gesünderen Gesellschaft einen neuen Humanismus, der nationale, ökonomische und narzisstische Engführungen überwindet. Wenn Menschen sich wieder als Teil der Menschheit begreifen, nicht nur als Wettbewerber:innen oder Konsument:innen, dann wird Freiheit nicht mehr als Last, sondern als gemeinsame Gestaltungsaufgabe erfahrbar.

Unsere neoliberale Gesellschaft ist effizient, aber entfremdet; funktional, aber krankmachend. Sie produziert angepasste, erschöpfte und politisch entmächtigte Menschen. Ein Ausweg liegt in der Humanisierung von Arbeit durch den Ausbau von demokratischen Strukturen und Teilhabe im Arbeitsbereich und in Organisationen – als Voraussetzung gesellschaftlicher und psychischer Gesundheit.

Quellen:

Fromm, Erich (1955): Wege aus einer kranken Gesellschaft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

Honneth, Axel (2023): Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit. Berlin.

Unterrainer/Hornung/Höge/Weber (2024): Die Arbeitswelt als Arena der Demokratie? Das demokratieförderliche und demokratiegefährdende Potenzial von Wirtschaftsunternehmen. Wirtschafts- und Sozialpolitische Zeitschrift, Nr.1/2 24, S.36-51.